
„Ich habe ihn mehr geliebt als mein Leben“
Heinrich Bleicher
Freudig, um nicht zu sagen glücklich erregt, hatte sie ihn wiedergesehen. Die Zeit nach ihrer Trennung war schwer gewesen. Die glückliche Zeit der wenigen Monate in Wien lag lange zurück. Zwischen ihr und Paul wanderten aber Briefe, Gedichte und Bücher hin und her. Zwei Monate und noch einmal zwei Wochen in Paris hatten das Wiener Glück nicht wiederherstellen können. Stille! Es läutete eine Nacht, die finsterte … Er trieb einen Dorn in ihr Herz und schrieb: Der Dorn dringt dir tiefer ins Herz: Er steht im Bund mit der Rose.
Da war Pauls Gedicht zu ihrem zweiundzwanzigsten Geburtstag gewesen. Aus Herzen und Hirnen / sprießen die Halme der Nacht … heb ich dein Herz an die Lippen, / hebst du mein Herz an die deinen … Es waren die Jahre von dir zu mir … Wieder wellt sich dein Haar, wenn ich wein. Mit dem Blau deiner Augen deckst du den Tisch unserer Liebe … die Nacht ist die Nacht, sie beginnt mit dem Morgen, / sie legt mich zu dir.
Alles war wieder da, wiederbelebt durch Köln, Am Hof. Mit diesem Gedicht, geschrieben nach dem Treffen in Wuppertal, war ihre Herzzeit wieder aufgelebt. Verbannt und Verloren waren daheim. Ein Besuch bei ihrem Freund Heinrich hatte sie noch einmal in die Stadt am Rhein zurückgeführt. Sie brauchte Ruhe. Zum Glück gab es kaum Besucher im Dom. Sie fand einen ruhigen Platz, und die Gedanken wanderten zurück. Bei ihrem Wiedersehen Am Hof hatten Paul und sie als neue Gemeinsamkeit nach Wien die befruchtende Lektüre der Texte Walter Benjamins ausgetauscht. Insbesondere seine Thesen über den Begriff der Geschichte. Nichts, was sich jemals ereignet hat, [ist] für die Geschichte verloren zu geben. Für Paul waren alle seine Erlebnisse jederzeit präsent. Und auch sie ließ die eigene Geschichte nicht los.
Die Ereignisse des Einmarsches von Hitlers Truppen in Klagenfurt hatten sich ihr als Elfjährige tief eingebrannt. Ebenfalls die Jahre danach bis zur Befreiung. Im Kriegstagebuch schreibt sie über ihre erste große Liebe, den aus Österreich noch rechtzeitig nach England entkommenen Juden Jack Hamesh. Als britischer Soldat kehrt er nach Österreich zurück. Über die Literatur und die von den Nazis verfemten Schriftsteller finden sie zueinander. Resümierend hält sie fest: Das ist der schönste Sommer meines Lebens, und wenn ich hundert Jahre alt werde. Sie weiß, alle reden über sie, nicht nur in der Verwandtschaft. Sie geht mit dem Juden. Die Mutter kann das nicht verstehen. Aber sie sagt ihr, sie würde zehnmal mit ihm auf und abgehen, und wenn alles kopfsteht, jetzt erst recht.
Es wird kein gemeinsames Leben. Ihn zieht es nach Palästina. Sie kommt über Innsbruck und Graz nach Wien. Dort findet sie die zweite große Liebe ihres Lebens. Hans Weigel, mit dem sie sich vorübergehend liiert, ist es nicht. Der aus dem Exil zurückgekehrte Wiener Jude dominiert in der unmittelbaren Nachkriegszeit mit Hermann Hackel und Rudolf Felmayr die junge, aufstrebende Literaturszene in Wien. An deren Treffen im legendären Café Raimund nimmt sie teil. Im Frühjahr kann sie in der ersten Nummer von Hakels Lynkeus vier Gedichte veröffentlichen. In Abgrenzung von den großen Herren der österreichischen Nachkriegsliteratur sucht und findet sie allerdings ihren eigenen Weg.
Ihre große Liebe wird im Mai 1948 der aus Czernowitz stammende Paul. Der nahm an den Treffen im Café Raimund, dem Geschwätz und Diskussionen, nicht teil. Sein erster Gedichtband Der Sand aus den Urnen wird noch in Wien gedruckt. Später aber wird der Vertrieb, da ist Paul schon in Paris angekommen, von ihm eingestellt. Viele der Gedichte erscheinen 1952 im Band Mohn und Gedächtnis erneut. Dieses Buch mit vielen ihr gewidmeten Gedichten, begleitet sie seither. Es wurde die Basis für ihren jahrzehntelangen literarischen Dialog. Einen umfangreichen Niederschlag finden zahlreiche Zeilen auch in Malina.
Nach dem Abschluss ihres Philosophiestudiums reist sie nach Paris. Die Hoffnungen auf ein gemeinsames Leben mit Paul erfüllen sich aber nicht. Gewidmet ist ihr das Gedicht Erinnerung an Paris. Du denk mit mir: der Himmel von Paris, die große Herbstzeitlose. Wir waren tot und konnten atmen.
Sie kehrt zurück nach Wien, arbeitet bei der amerikanischen Besatzungsbehörde und beim Sender Rot-Weiß-Rot. Ihr erstes Hörspiel wird gesendet: Ein Geschäft mit Träumen. Im Mai 1952 kommt der Durchbruch bei dem Treffen der Gruppe 47 in Niendorf. Paul, auch dort, scheitert mit seinem Vortrag. Er stößt auf Unverständnis und wird die Treffen der Gruppe nie mehr besuchen. Sie erreicht ihren Durchbruch und bekommt ein Jahr später den Gruppenpreis. Ihr Aufstieg beginnt. Geprägt wird er mit dem Lyrikband Die gestundete Zeit. 1954 wird sie – mit Foto auf dem Titelbild – vom Spiegel als Repräsentantin der jungen “deutschen“ Literatur vorgestellt.
Der Abdruck des Gedichtes Früher Mittag – auch hier in Wortreminiszenzen an Paul – hatte sie gefreut. Von ihm nimmt sie nach seinem Tod Abschied: Er war mein Leben. Ich habe ihn mehr geliebt als mein Leben.
Lektorat: Diana Menschig
