Eröffnungsfeier in der Stadtbibliothek Marsberg

Die Eröffnungsfeier der Literaturtage des VS NRW fand am 12. Juni in der Stadtbibliothek Marsberg statt. NRW Ministerin für Kultur und Wissenschaft, Ina Brandes, konnte nicht anwesend sein und übersandte eine Grußbotschaft per Video. Bürgermeister Matthias Koch begrüßte die Gäste und betonte die Wichtigkeit dieses Events für die Menschen in der Stadt. Zudem überreichte er eine extra für den Anlass angefertigte Torte. Zum Programm gehörten auch Lesungen mit Patricia Malcher und Lexa Stein. Die Landesvorsitzende des Verbands deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller in Nordrhein-Westfalen, Jana Engels, hielt dort nachstehende Rede.

Sehr geehrte Frau Ministerin Brandes – vielen Dank für Ihre Videobotschaft und Ihre Worte an uns –, sehr geehrter Herr Bürgermeister Koch, liebe Frau Quest, liebe Frau Wessalowski, liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Gäste,

es ist mir eine große Freude, heute hier in Marsberg zu stehen, an einem Ort, der in den vergangenen Monaten gezeigt hat, was möglich wird, wenn eine Kommune Literatur nicht nur beherbergt, sondern beherzt unterstützt.  Die Zusammenarbeit mit der Stadt Marsberg war von Anfang an geprägt von Offenheit, Pragmatismus und echter Lust am Gelingen. Wenig Bürokratie, viel Zielorientierung. So wünscht man sich Partnerschaften, wenn man Literaturtage plant, die Menschen erreichen sollen. Denn genau darum geht es bei den Literaturtagen. Um Begegnungen. Um Literatur dort, wo Menschen sind. In Schulen und Kitas, in Bibliotheken, im Brauhaus, im Kloster.

Literatur leicht zugänglich zu machen, war von Beginn an Anliegen, der Literaturtage und deshalb sind unsere Veranstaltungen kostenfrei. Teilhabe darf nicht am Eintritt scheitern. Sie beginnt mit der Einladung und damit, sich angesprochen zu fühlen. All dies wird möglich durch die finanzielle Unterstützung von Kommunen, Städten und dem Land NRW, ebenso den Einsatz vieler ehrenamtlich engagierter Menschen sowie von Institutionen wie der Gesellschaft für Literatur, die die Literaturtage seit Jahrzehnten mit großer Verlässlichkeit und Leidenschaft begleitet. Die Literaturtage NRW finden in diesem Jahr zum 58. Mal statt.

Eine beeindruckende Tradition, die eng mit der Geschichte unseres Verbandes verwoben ist

Der Geburtsort des Verbandes deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller liegt auf der Burg Ingenhoven in Lobberich am Niederrhein. Dort wurde im Juni 1946 der Vorläufer des VS gegründet – als „unpolitische, berufsständische Organisation“, die eine neue Plattform für geistige Arbeit schaffen wollte. Unter den Anwesenden waren Hans‑Günther Konsalik, Herbert Eulenberg, Curt Corrinth und Rolf Bongs. Später kamen Heinrich Böll, Paul Schallück, Josef Reding und Max von der Grün hinzu. 1948 entstand aus dieser Vereinigung der Westdeutsche Autorenverband. Unter Willi Schäferdiek und Wilhelm Damwerth entwickelte er sich zu einer professionellen Interessenvertretung. 1969 dann wurde aus dem WAV, dem Westdeutschen Autorenverband, der bundesweite Verband deutscher Schriftsteller. In diesem Jahr hielt Heinrich Böll seine programmatische Rede vom „Ende der Bescheidenheit“ auf der Gründungsversammlung. 1994 erhielt der Verband seinen heutigen Namen: Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller,  gleichberechtigt wird seit einigen Jahren Verband deutscher Schriftsteller*innen verwendet.

Heinrich Böll und das „Ende der Bescheidenheit“

Zurück zu Heinrich Böll. Bölls Satz war kein Ruf nach Lautstärke, sondern nach Selbstachtung. Heinrich Böll machte 1969 in seiner Rede vom „Ende der Bescheidenheit“ deutlich, dass Schriftstellerinnen und Schriftsteller ihre Arbeit nicht länger kleinreden dürfen. Er forderte, selbstbewusst für die eigenen Rechte einzutreten, für Sichtbarkeit, für faire Honorare und für den Wert geistiger Arbeit. Böll erinnerte daran, dass Literatur einen gesellschaftlichen Beitrag leistet und dass wir diesen, unseren Beitrag nicht aus Bescheidenheit verschweigen sollten.

Seine Worte richteten sich gegen Bilder, die uns bis heute begleiten. Die Bilder der „brotlosen Kunst“ und des „armen Poeten“ sind zwar weiterhin Realität für viele Schreibende, dürfen aber nicht als naturgegeben gelten oder gesellschaftlich normalisiert werden. Trotz fachlich fundierter, zeitintensiver und hochqualifizierter Arbeit können nur wenige Schreibende von ihrer Tätigkeit leben. Nur ein sehr kleiner Teil erzielt hohe Einnahmen. Die große Mehrheit arbeitet unter Bedingungen, die man in anderen Branchen schlicht als unzumutbar und prekär bezeichnen würde.       

Ein Beispiel dafür, wie politische Gestaltungskraft Literatur fördern kann, ist die Gründung der Gesellschaft für Literatur 1977 in Aachen. Wolfram Dorn – Autor, Verleger, Politiker – stellte Anfang der 70er Jahre fest, dass Haushaltsmittel für die „Auffettung der Schulmilch“ nicht mehr abgerufen wurden. Kinder wollten keine Schulmilch mehr. Aber sie brauchten geistige Nahrung. Dorn gelang es, diese Mittel umzuwidmen – für Autorenlesungen in Schulen. Eine kleine, kluge, mutige Entscheidung, die bis heute nachwirkt. Sie zeigt, dass Kultur nicht nur aus Ideen entsteht, sondern durch politische Entscheidungen getragen werden müssen.

Wir Schriftstellerinnen und Schriftsteller leben heute trotz Digitalisierung, trotz öffentlicher Aufmerksamkeit mehr denn je in prekären Arbeitsverhältnissen. Die Bereitschaft, Urheberrechte zu achten und künstlerische Arbeit angemessen zu honorieren, sinkt. Die bisher schon niedrigen Honorare sinken stetig, während Lebenshaltungskosten steigen. Viele von uns arbeiten an der Grenze des Möglichen. Ja, wir organisieren uns gewerkschaftlich. Wir leisten Öffentlichkeitsarbeit. Wir informieren und beraten. Aber all das wird nicht genug sein, wenn das gesellschaftliche Selbstverständnis fehlt, dass kreative Arbeit eben Arbeit ist und zwar solche, die fair bezahlt werden muss.

Deshalb sage ich heute: Das Ende der Bescheidenheit war wichtig, aber es ist nicht mehr genug. Wir brauchen das Ende des Kulturprekariats.

Wir brauchen politische Rahmenbedingungen. Kunst darf nicht als freiwillige Zugabe behandelt werden. Sie ist Grundpfeiler einer demokratischen Gesellschaft. Wir brauchen Unternehmen, die kulturelle Verantwortung übernehmen. Und wir brauchen ein breites Verständnis dafür, dass Literatur nicht allein vom Applaus leben kann. Wir brauchen Möglichkeiten und Sicherheiten, um Zeit und Ressourcen in unsere Arbeit investieren zu können.

Dass wir heute hier in Marsberg Literaturtage feiern, die offen, zugänglich und vielfältig sind, verdanken wir vielen Menschen, die mit Herzblut dabei waren und sind. Menschen, die Räume öffnen, Ideen ermöglichen, Wege ebnen. Ihnen allen gilt mein großer Dank. Literatur schafft Verbindung. Sie schafft Gespräch. Sie schafft Orientierung in Zeiten, in denen vieles unsicher ist. Und sie braucht Orte wie diesen. Sie braucht Orte, an denen sie willkommen ist. Ich blicke mit Stolz auf die bisherigen Veranstaltungen zurück und freue mich auf die bevorstehenden, auf Begegnungen, Gespräche, Lesungen und auf all das, was entsteht, wenn Literatur und Menschen zusammenkommen. Ich wünsche Ihnen allen gute Unterhaltung.

Vielen Dank!

Die VS NRW Literaturtage 2026 in Marsberg
Der Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller freut sich über das gemeinsame Event mit der Stadt Marsberg