Bachmann Ausschreibung Platz 2

Rot und Weiß - Cornelia Ertmer
Rot und Weiß – Cornelia Ertmer

Rot und Weiß

Cornelia Ertmer

Weiße Zimmerdecke, weißes Laken, weiße Bettwäsche, mir ist … schwindlig, Ich denke, denke ich? Wen interessiert, was ich denke? Max? Der mit Marianne beschäftigt ist. Nein, eifersüchtig bin ich nicht. Aber ungehalten, wütend. Aufgebracht. Luft! Immer diese Atemnot, das Herz, das stolpert und klappert und pocht. In einem Körper, der meiner sein soll.

Wer bin denn ich? Kann ich Ich sagen? Konnte ich das jemals? Was war damals in Wien, an meinem Geburtstag? Mit Paul. Die Mohnblumen. Seine Augen. Er schaute, ich fiel, in ihn hinein. Verlor mich in ihm. Vor fünfzehn Jahren war ich noch ein leichtgläubiges Kind, das an die Liebe glaubte. Eine auf Widerruf gestundete Zeit. Ein paar Wochen Erinnerung und ein Gedicht, In Ägypten. Nein, ich war nicht Myriam, nicht Ruth, ich war nur die Fremde, wurde mir fremd. Die härteren Tage kamen bald. Ich schrieb, Briefe, voller Sehnsucht und Liebe, rote Mohnblumen schrieb ich, er schrieb zurück, liebe Ingeborg. Ich hätte es wissen sollen. Das Treffen in Paris, ein Desaster…

– ???

– Nein, danke, ich wünsche nichts, jedenfalls nichts, das Sie mir geben könnten. Lassen Sie mich einfach in Ruhe.

Ich will raus hier. Nie habe ich meine Ruhe. Meine Tabletten, … wo? Gut, dass ich einen kleinen Vorrat versteckt habe. Mein Perequil. Ohne wüchse mir die Welt über den Kopf. Dieser Lärm, dieses Klappern und Scheppern den Tag über, die ganze Geschäftigkeit. Die Wände so weiß, die weißen Kittel. Menschen, die es womöglich sogar gut meinen? Nein, möchte ich schreien. Mein Schreien ist nur ein heiseres Flüstern. Meine Worte möchte ich zurücknehmen, auch die eben. Besser schweigen. Gegenüber Max, den Ärzten; was ist mit Paul? Nein, nicht … doch … wir konnten nicht … ich konnte nicht … was? Nur roter Mohn …

Wann habe ich mich verloren? Als ich Paul das erste Mal in Paris besuchte, endlich nach diesem letzten furchtbaren Streit? So verzweifelt, so hilflos blind stolperte ich zur Gare de l’Est, setzte mich in den nächstbesten Zug. Wohin? Egal. Zwei Tage später wieder in Wien, wusste nicht wie. Außer mir, in mir nur Wut, Enttäuschung, Verzweiflung. Meine Liebe. Meine Briefe. Ich litt: Paul, Lieber, Liebster Paul, lieber, lieber Paul, ich flehte, ich warf mich ihm zu Füßen. Er schrieb: Postkarten, kurze Briefe an: Meine liebe Inge. Missverständnisse, Animositäten. Ich privilegiert, er vom Leben misshandelt. Er glaubte sich in meiner Schuld, wegen ein paar Gedichten, die ich für ihn untergebracht hatte. Das wollte ich nicht … nur Liebe und roten Mohn …

– ???

– Nein, danke. Ich brauche nichts. Immer noch nicht. Verschwinden Sie!

Diese aufdringliche Krankenschwester. Was wollte sie? Ich habe sie nicht richtig verstanden, wo … meine Gedanken … Feuer und Wasser. Dieses wunderbare Gedicht. Ich verstand ihn, ganz und gar. Es war die Fortführung von In Ägypten. Von wegen, ich verstünde seine Gedichte nicht … Unsere Beziehung, von Anfang an: eng und flüchtig, schmerzhaft, voller Missverständnisse und … aber Freundschaft, nein, das konnte ich nicht … seine Gedichte, seine Briefe, seine Karten, sie halfen mir zu leben, das Atmen ging leichter, da ist einer, einer… – er fehlt mir – mein Prinz.

Wann habe ich mich verloren? In Niendorf, auf der Tagung der Gruppe 47? Wie konnte ich nur glauben, hoffen, mich sehnen nach dem roten Mohn. Stattdessen, weiße Leere, Ablehnung, rote Wut auf Seiten Pauls. Brüskiert, verhöhnt fühlte er sich, von den anderen nicht als Dichter anerkannt, zurückgewiesen, glaubte, ich stecke dahinter. Nahm übel. Meine Verzweiflung. Wie hätte ich von Gisèle, seiner zukünftigen Frau, wissen sollen.

Wann habe ich mich verloren? Als ich ihn verlor, seine Liebe, – mein Leben? Als es nicht mehr weiterging, nach unserem Gespräch zu dritt, Paul, Gisèle und ich? In der Rue Longchamps in Paris. Freunde wollten wir bleiben, Freunde. Geht das, wenn man liebt? Es ging, eine Weile. Da war plötzlich Max. Und da war diese unsägliche Plagiatsaffäre der Witwe Goll. Ja, es war schrecklich, es war eine Intrige, die ihn vernichten sollte. Aber er wollte Opfer sein. War das falsch, es ihm zu sagen?

– ???

– Ich möchte nichts essen, danke. Und den Blutdruck müssen sie auch nicht messen, der steigt schon, wenn ich Sie mit dem Ding nur kommen sehe. Raus. Ich will raus. Sie können meinetwegen bleiben. Wo ist der behandelnde Arzt? Wie soll ich wieder auf die Beine kommen, wenn mich hier niemand in Ruhe lässt?

– ???

– Nein, machen Sie das Licht aus. Es stört nur. So muss ich dieses elende Weiß nicht mehr sehen.

Weiß und leer. Kein Mohn. Kein Rot. Nie werde ich aufhören, Paul zu lieben. Mein Schicksal … Wo sind die Tabletten? Die Welt. Ich halte sie nicht aus. Weg – weg … nur wohin – ich liege … warum? … in einem Krankenhaus in Berlin, in Berlin, wieso in Berlin? Wieso Krankenhaus, wieso … Paul? Max?

Lektorat: Diana Menschig

Rot und Weiß - Cornelia Ertmer
Rot und Weiß – Cornelia Ertmer