
Wolken-Bimbam
Regina Schleheck
Der Mensch neben dir dünstet Düsternis, Schweigen strömt ihm aus allen Poren. Seine Lippen formen sich zum Kuss. Er stößt Rauch aus. Himmelwärts. Dort liegt man nicht eng. Sulamith, Ruth, Noemi, Mirjam, ihrem aschenen Haar gilt sein Gruß an den Ruß, das graue Grauen.
Du lehnst dich zurück, schließt die Augen.
Ruth. Die treue Gefährtin. Die du gern wärst, nicht bist, auch wenn du dich bisweilen so nennst.
Du bist die Hüterin, benannt nach dem Fruchtbarkeitsgott Ingwio und dem Bild der altnordischen Schutzburg. Wärst ihm gern Hüterin, stattdessen bist du die Margarethe, auch wenn dein Haar nicht gülden, du kein Kind des Lichts, sondern das der Düsternis bist. Des Tätervolks. Des Tätervaters. Der Tätermutter.
Täter. Töter. Tragödie. Tralala. Ein Bimbam von Worten.
Auf Erden.
Zwischen euch.
Augen auf! Hinsehen!
Düsternis und Schweigen haben sich zu Nebeldampf verdichtet, der eine Weile am Boden wabert, ehe er himmelwärts diffundiert. Da oben siehst du ihn nun unschlüssig hin und her wogen, Wolken bilden, die zerfasern, zersträhnen, aschene und güldene Haare verweben sich, klumpen, es blubbert, grollt, rotiert, stetig beraucht von unten. Von euch. Ihm.
Weil dir die Worte fehlen.
Nach der Barbarei ein Gedicht zu schreiben. Die größere Barbarei?
Du hast keine schwarze Milch getrunken, wurdest von Kärntner Kühen gelabt. Du, der Bach. Die Frau, die ein Mann ist. Durch die Gnade der Geburt an der Furt entbunden, Ort des Hüben und Drüben ganz ohne Brücke. Der sich der Sage nach ursprünglich Glan nannte. Umbenannt wurde, als ein Fehlurteil zum Tod eines Unschuldigen führte.
Die Furt durch den Bach als Jammertal? Schneisenschlag durch die Klage?
Überwindung der Trennlinie – Bad in der Trauer?
Dort oben, in den Wolken, dort liegt man nicht eng.
Hier unten?
Sieh hin!
Rechts ballt es zunehmend, dunkelt, dräut – während die Lichtung links aufklart, sich mit weißen Tupfern füllt.
Himmelsgänseblümchen.
Wenn du die Arme spinnwebfädrig in die Höhe streckst, langfingrig danach greifst, daran zupfst – er liebt dich, er liebt dich nicht –, huschen sie schnell-schnell auseinander, verweigern die Antwort, die es nicht braucht.
Du blinzelst, weil das Himmelblau sich lichtet, aufhellt, grellt, güldene Strahlen blitzen, aber von rechts rollt immer noch das graue Geschwader heran, umzingelt das Leuchten, umklammert es mit granitenem Griff.
Was tun?
Tief einatmen. Ausatmen.
Tief, tiefer einatmen und die Luft langsam, warm, weich entweichen, aufsteigen, den Himmel nicht aus den Augen lassen.
Was passiert:
Dein Odem erreicht den Schauplatz des Dramas, den bedrängten Schein, das drohende Anthrazit – und schon von Weitem, schon in der Annäherung strömt der sanfte, ruhige Hauch Gelassenheit vor sich her, die, je höher sie schwebt, den Antagonismus aufweicht, verwischt, verschwimmt, verwirbelt. Das Leuchten streichelt die finsteren Wolkenränder, Margarethe schmiegt sich an Sulamith, das Grau meliert, bedräut nicht – umarmt das Licht, sie vereinigen sich, fließen, strömen, schlingern hell-blau-gräulich durcheinander, kreiseln, tanzen.
Neben dir ein Räuspern.
Ihr schaut euch an.
Wortlos.
Über euch, zwischen den Wolken, blitzt es.
Gewitter?
Sterne?
Was ist Glück?
Du lächelst. Und möchtest doch weinen.
Lektorat: Diana Menschig
