Die prämierten Texte der Ingeborg Bachmann Ausschreibung

Anlässlich des 100. Geburtstags von Ingeborg Bachmann hat der VS NRW zu einem Kurzprosa Wettbewerb eingeladen. Gesucht waren literarische Texte, die sich mit Bachmanns Leben und Werk oder dem Motiv „Jemand, der ich einmal war“ auseinandersetzen. Die eingereichten Beiträge spiegeln die Vielfalt der literarischen Stimmen in Nordrhein-Westfalen wider und zeigen, wie lebendig Bachmanns Themen Identität, Erinnerung, Sprache, Gewaltstrukturen und Selbstbehauptung bis heute sind. Die Jury hat aus allen Einsendungen drei Texte ausgewählt, die in besonderer Weise durch sprachliche Qualität, Eigenständigkeit und eine überzeugende literarische Umsetzung hervorstechen.

Platz 1

Wolken-Bimbam

Regina Schleheck

Einschätzung der Jury

Der Text „Wolken-Bimbam“ ist durchzogen von Bachmannschen Motiven, Zitaten und Stilmitteln. Hier finden sich zahlreiche Anspielungen auf „Malina“ und „Die gestundete Zeit„ sowie Celans „Todesfuge“, Bezüge zu Bachmanns Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, Themen wie Sprachlosigkeit und weibliche Identität sowie mythologische und biblische Andeutungen. Mit seinen Klangassoziationen und poetisch bewusst gesetzten Worten sowie zahlreichen Querverweisen wird der Text zu einer eindrücklichen Hommage auf Ingeborg Bachmann.

Regina Schleheck wurde vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Deutschen Phantastik Preis, dem Friedrich-Glauser-Preis, für den sie 2021 wieder nominiert war, 2024 errang sie u.a. den Neunkircher Krimipreis. Die Oberstudienrätin a.D. ist Autorin, Lektorin, Herausgeberin, fünffache Mutter. Seit 2002 veröffentlicht sie v. a. Kurz-, aber auch andere Prosa wie Romane und Hörspiele. Die Autorin gehört den Netzwerken Mörderische Schwestern, Syndikat, PAN, VS, BvjA und PEN an. www.regina-schleheck.de

Platz 2

Rot und Weiß

Cornelia Ertmer

Einschätzung der Jury

Hier hat sich die Verfasserin poetisch in die Ich-Perspektive von Ingeborg Bachmann reingefühlt. Zahlreiche Stationen ihres Lebens (Wien, Paris, Berlin) werden ebenso erwähnt wie ihre schmerzlichen Liebesbeziehungen zu Paul Celan und Max Frisch. Zerbrechliche Liebe, Identität, Selbstverlust und psychische Krisen gehen in diesem Text einher mit literarischen Anspielungen und einer typischen fragmentarischen Erzählweise. Symbolhaft steht Weiß für Leere und Entfremdung, während Rot auf Liebe, Wut und Schmerz anspielt, zudem deutet der Titel möglicherweise nicht nur auf die österreichische Flagge, sondern auch auf den Radiosender Rot-Weiß-Rot im besetzten Nachkriegsösterreich hin, für den Bachmann gearbeitet hat.

Geboren in Recklinghausen, schreibt sie seit vielen Jahren in Dortmund Gedichte, Geschichten,Romane. Sie veröffentlichte bisher zahlreiche Gedichte und Erzählungen in verschiedenenAnthologien und zwei Romane Wenn alle schweigen (2022, ocm verlag dortmund) und Als quälemich eine Schlange (2026, eof, BoD) . Darüber hinaus ist sie Mitherausgeberin und -verfasserin derGlücksorte im Sauerland und Glücksorte am Hellweg (Droste Verlag Düsseldorf, 2025³ und 2022).Sie ist Mitglied der Gedok und bei ver.di

Platz 3

Ich habe ihn mehr geliebt als mein Leben

Heinrich Bleicher

Einschätzung der Jury

Der Text „Ich habe ihn mehr geliebt als mein Leben“ ist ein literarischer Essay über die Liebe von Ingeborg Bachmann zu Paul Celan. Zahlreiche Zitate und Anspielungen auf Leben und Werk der Autorin sowie ihre Beziehung zu Celan werden zu einem biografischen Portrait verbunden. Eine gelungene Verknüpfung von eigenen, Celanschen und Bachmannschen Worten.

Heinrich Bleicher, Studium der Geschichte, Germanistik und Publizistik. Volontariat und Redakteurstätigkeit. Lehrbeauftragter am Ludwig-Uhland-Institut für empirische Kulturwissenschaften der Universität Tübingen. Von 2002-2017 Bereichsleiter Kunst und Kultur bei ver.di und langjähriger Bundesgeschäftsführer des Verbandes deutscher Schriftsteller*innen. Gründungsmitglied und Vorsitzender der Hans-Mayer-Gesellschaft. Veröffentlichungen zu medien- und kulturpolitischen sowie literarischen Themen.

Veröffentlichung der Texte

Die drei prämierten Texte werden in den kommenden Tagen auf unserer Webseite veröffentlicht und damit einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Wir gratulieren den Autorinnen und Autoren sehr herzlich und danken allen Teilnehmenden für ihre Beiträge zu dieser besonderen Ausschreibung anlässlich des 100. Geburtstags von Ingeborg Bachmann.

Der Kinofilm

Im Zusammenhang mit dem Jubiläumsjahr erscheint zudem in Kürze der Dokumentarfilm Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war von Regina Schilling. Der Film verbindet Archivmaterial, Interviews und neu inszenierte Szenen zu einem vielschichtigen Porträt der Autorin und wird von Schauspielerin Sandra Hüller getragen, die Bachmanns Texte mit großer Präsenz interpretiert. Der Kinostart ist für den 25. Juni 2026 angekündigt

Filmplakat: Ingeborg Bachmann - Jemand, der ich einmal war
Filmplakat: Ingeborg Bachmann – Jemand, der ich einmal war