Ein Essay von Molla Demirel
Heute ist wieder vom „Friedenstag“ die Rede.
Doch welcher Frieden ist gemeint?
Wie sollen die Menschen in Gaza, die ihre Häuser, ihre Kinder, ihre Eltern, Geschwister und Freunde verloren haben, das Erlebte vergessen?
Wie sollen sie die Städte vergessen, die unter Bomben in Trümmer gelegt wurden, die Kinder, die unter der Erde liegen, die Schreie von Müttern und Vätern?
Wie sollen sie danach der israelischen Regierung, Netanyahu und den Verantwortlichen die Hand zum Frieden reichen?
Wer kann die Wunden vergessen, die die Menschen in Libyen, im Irak, in Syrien, im Libanon und im Iran über Jahre davongetragen haben?
Wie sollen Menschen den Verantwortlichen für Krieg, Zerstörung und Tod die Hand reichen, solange die Vergangenheit nicht aufgearbeitet und keine Verantwortung übernommen wird?
Wie kann ein Volk die Eingriffe in seine Selbstbestimmung vergessen – die Verluste, die es erlitten hat, und die natürlichen Ressourcen, die ihm genommen wurden?
Und der Krieg zwischen Russland und der Ukraine?
Menschen verlieren ihre Häuser, ihre Nachbarschaften, ihre Angehörigen.
Kann man von ihnen erwarten, dass sie Putin und Selenskyj heute umarmen und gemeinsam den „Friedenstag“ feiern?
Und was ist mit den Menschen, die von ihrer Arbeit leben?
Was für einen Frieden kann ein Arbeiter feiern, der monatelang gearbeitet und trotzdem keinen Lohn bekommen hat; der die Bedürfnisse seiner Kinder nicht erfüllen kann, der Miete sowie Strom- und Wasserrechnungen nicht mehr bezahlen kann?
Was empfindet ein Mensch, der tagelang unter der brennenden Sonne oder im Regen für sein Recht kämpft und anschließend von Sicherheitskräften angegriffen wird?
Wie soll er dem Arbeitgeber oder denen, die ihm dieses Leid zugefügt haben, die Hand reichen?
Frieden beginnt nicht erst auf den Schlachtfeldern.
Frieden beginnt dort,
wo der Mensch für seine Arbeit einen gerechten Lohn erhält
Frieden beginnt dort,
wo kein Kind hungrig zu Bett gehen muss.
Frieden beginnt dort,
wo niemand wegen seiner Gedanken ins Gefängnis geworfen wird.
Frieden beginnt dort,
wo Journalisten nicht zum Schweigen gebracht werden;
wo Schriftsteller nicht für ihre Gedanken bestraft werden;
wo Bürgermeister nicht deshalb verhaftet werden, weil sie vom Volk gewählt wurden.
Und was ist mit den Politikern, Bürgermeistern, kommunalen Mitarbeitern, Journalisten und Schriftstellern, die seit Jahren in Gefängnissen sitzen und deren Eigentum beschlagnahmt wurde?
Wie sollen ihre Angehörigen den Schmerz, den sie seit Jahren tragen, innerhalb eines einzigen Tages vergessen?
Wie sollen sie diejenigen umarmen, die ihnen diesen Schmerz zugefügt haben?
Ohne Gerechtigkeit bleibt auch der Frieden unvollständig.
Ohne Freiheit ist Frieden nur ein Wort.
Ohne Gleichheit bleibt die Stimme des Friedens ungehört.
Während in vielen Teilen der Welt Kriege weitergehen und Menschen gegen Hunger, Armut und Ungerechtigkeit kämpfen, genügt es mir nicht, einen einzigen Tag zum „Friedenstag“ zu erklären.
Ich möchte in einer Welt, in der Kriege weitergeführt werden, nicht zuerst den Frieden feiern.

Ich möchte, dass Frieden geschaffen wird.
Ich wünsche mir einen Frieden, der angesichts von Unterdrückung nicht schweigt.
Eine Welt,
in der Kinder nicht mit Bomben, sondern mit Spielzeug aufwachsen;
in der Menschen nicht mit Angst, sondern mit Hoffnung erwachen;
in der Arbeiter den gerechten Lohn für ihre Arbeit erhalten;
in der Gedanken nicht als Verbrechen gelten;
in der niemand wegen seiner Sprache, seines Glaubens, seiner Überzeugungen oder seiner
Identität ausgegrenzt wird.
Frieden bedeutet nicht nur, dass Regierende einander die Hand reichen.
Frieden bedeutet, dass Gerechtigkeit und Freiheit in den Herzen der Menschen wachsen.
Deshalb frage ich heute:
Welcher Friedenstag?
Wenn der Krieg weitergeht,
wenn Kinder sterben,
wenn Häuser zerstört werden,
wenn Menschen hungern,
wenn Gerechtigkeit zum Schweigen gebracht wird,
wenn Freiheit zerstört wird –
welchen Frieden sollen wir feiern?
Ich feiere keine Welt, in der Krieg und Ungerechtigkeit herrschen.
Im Gegenteil:
Ganz gleich, wo auf dieser Erde –
ich stelle mich gegen Krieg, Unterdrückung und Ungerechtigkeit.
Denn Frieden bedeutet nicht Schweigen.
Schweigen bedeutet nicht, Frieden zu feiern.
Schweigen bedeutet, sich vor der Unterdrückung zu verbeugen.
Schweigen bedeutet, Ungerechtigkeit hinzunehmen.
Ich werde nicht schweigen.
Denn wahrer Frieden beginnt nicht an dem Tag, an dem die Menschen schweigen.
Er beginnt an dem Tag,
an dem Menschen frei sprechen dürfen,
an dem sie gleichberechtigt leben können,
an dem Gerechtigkeit nicht nur ein Versprechen ist.
Noch immer geschieht unermessliches Unrecht in vielen Teilen unserer Welt.
Deshalb feiere ich keinen Tag, an dem Krieg, Unterdrückung und Ungerechtigkeit
weiterbestehen.
Ich sage:
Lasst uns – wo immer auf dieser Welt – gegen Krieg und Ungerechtigkeit aufstehen.
Denn Schweigen bedeutet nicht, Frieden zu feiern.
Schweigen bedeutet, Unterdrückung hinzunehmen.
Schweigen bedeutet, Ungerechtigkeit zu verherrlichen.
Ich werde nicht schweigen.
Und deshalb möchte ich den Menschen dieser Welt heute ein Gedicht schenken.
SIE DÜRFEN NICHT SPRECHEN
Ein Virus
hat unsere Welt erfasst.
Arbeiter werden
aus den Fabriken entlassen.
Die Gewerkschaften,
Masken vor dem Mund,
dürfen nicht sprechen.
Hungrige, verzweifelte Kinder –
keine Schule,
keine Straße.
Verzweifelte Mütter und Väter,
Masken vor dem Mund,
dürfen nicht sprechen.
Alles wird teurer.
Die Geldbörsen leeren sich.
Der Frieden in den Familien
zerbricht.
Die Tränen der Mittelschicht
wollen nicht versiegen.
Kleine Betriebe
liegen auf dem Sterbebett.
Auf dem Feld
liegt der Bauer
wie tot.
Der Nachrichtensprecher
trägt eine Maske,
er darf nicht sprechen.
Ein Abgeordneter
wird aus dem Parlament geworfen.
Polizei und Gendarmerie
holen Menschen
nachts aus ihren Betten.
Beschimpfungen,
Schläge –
Gewalt wird alltäglich.
Die Verteidigung
trägt eine Maske vor dem Mund,
sie darf nicht sprechen.
Der Journalist
hält den Druck nicht mehr aus.
Der Stift des Karikaturisten
wird auf zwei Striche reduziert.
Die Ruhe
des Herrn im Palast
wird gestört.
Und wenn ihm langweilig wird,
lässt er Bomben regnen
auf das Brudervolk.
Zwischen blutigen Zähnen
quält sich beschämt
ein Wort hervor:
„Verhaftet sie!“
Der Staatsanwalt
hat seinen Befehl erhalten.
Der Richter
hat seinen Befehl erhalten.
Mit gesenktem Kopf
stehen sie da.
Ihre Münder sind maskiert.
Sie dürfen nicht sprechen.
Was ist das für ein Virus,
mein Bruder?
Ein Virus,
das den Herrn im Palast
nicht berührt,
den Pascha nicht.
Es wagt sich nicht
zur Mafia,
die Grundstücke in den Städten,
Felder und Küsten
unter sich aufteilt.
Dieses Virus
verbreitet Todesangst
über unsere Welt.
Der Dichter
darf kein Gedicht lesen.
Der Schriftsteller
darf nicht schreiben,
wenn seine Worte verboten sind.
Die Medien
tragen die Maske der Zensur.
Sie dürfen nicht sprechen.
Doch ich frage:
Wie lange noch?
Wie lange soll das Schweigen dauern?
Wie lange sollen Menschen
Angst haben vor einem Wort,
vor einem Gedicht,
vor einem Gedanken?
Denn Frieden ist nicht Schweigen.
Frieden ist nicht Unterwerfung.
Frieden ist nicht die Abwesenheit von Krieg allein.
Frieden ist Gerechtigkeit.
Frieden ist Freiheit.
Frieden ist Gleichheit.
Und solange diese fehlen,
bleibt die Frage:
Welcher Friedenstag?
(Molla Demirel)