Ein Rückblick von Volker W. Degener
Er ist nur halb so alt wie der VS in NRW, nämlich 40 Jahre. Aber Gründe und Jahreszahlen zum Feiern finden sich leicht. Also geschah das am 2. Juni dieses Jahres in der Düsseldorfer Zentralbibliothek.
Als der Literaturrat 1986 gegründet wurde, war man sich nicht sicher, ob ihm ein langer Atem vergönnt war. Damals gab es in Nordrhein-Westfalen nämlich nicht nur den VS, sondern auch den FDA, den „Freien deutschen Autorenverband“. Er glänzte mit einer großen Mitgliederzahl und hatte beste Beziehungen zum Kultusministerium unseres Landes, das ihn jährlich mit einer Summe von 10.000 DM förderte.
Vorsitzender des FDA war der Jurist, Diplomat und Publizist Volkmar von Zühlsdorff. Ohne Zweifel ein ehrenwerter Konservativer. Allerdings hatte sich der FDA zu einem Sammelbecken von vielen rechtskonservativen Autoren alter Schule entwickelt. Man gab sich antigewerkschaftlich. Die hohe Mitgliederzahl kam zustande, weil man auch „Redakteure“ von Schülerzeitungen zu Literaturproduzenten beförderte und Verbandsmitgliedern machte.
Für uns als VS bestand Handlungsbedarf. Die Idee: Alle Verbände, Institutionen, literarische Gruppen schließen sich in NRW zusammen, um eine gerechte und effektive Literaturförderung durch das Kultusministerium, Städte und Gemeinden zu erreichen. So eingerahmt, würde der FDA seine dominante Stellung verlieren.
Nahezu parallel zu unseren Überlegungen startete der Landtagsabge-ordnete und Kulturpolitiker Dr. Eugen Gerritz ( Vorsitzender des Litera-turbüros Düsseldorf ) eine Initiative, der Literatur in unserem Land mehr Bedeutung und Anerkennung und zu verschaffen. Als Partner für sein Aktionsprogramm gewann er Dr. Norbert Brockmeyer ( Vorsitzender des Verbandes der Verlage und Buchhandlungen in NRW ). Dieser Fachverband VVB erklärte sich bereit, auch die organisatorische Arbeit zu übernehmen. In Anlehnung an den bereits bestehenden „Musikrat“ sollte ein „Literatur-rat“ geschaffen werden.
Eine kleine Initiativgruppe traf sich am 3. Juli 1986 im Düsseldorfer Kunst-verein „Malkasten“. Seitens des VS nahmen der Vorsitzende Volker W. Degener und der Mitarbeiter im soeben gegründeten Literaturbüro in Gladbeck Herbert Somplatzki teil. Zum Gründungsvorstand wurden am 25. September 1986 gewählt: Kurt Rossa, Oberstadtdirektor von Köln, sowie Dr. Norbert Brockmeyer ( VVB ) und Volker W. Degener, Vorsitzender des VS in NRW.
Bei der Formulierung einer Satzung half der Staatssekretär und Autor Wolfram Dorn, der Vorsitzende der „Gesellschaft für Literatur“ in Münster. Die Gesellschaft war einige Jahre vorher durch ihn gegründet worden. Dann ging es zügig voran. Am 25. November trafen sich Vertreterinnen und Vertreter von 19 literarischen Verbänden und Gruppen im „Malkasten“. Der „Literaturrat Nordrhein-Westfalen e. V. “ war da!
Unser Literaturrat, der erste in der Bundesrepublik Deutschland, wurde allseits mit Beifall wahrgenommen, es gab zahlreiche positive Medienberichte, nicht nur in Nordrhein-Westfalen. Mit Elan machte sich der Vorstand an die Arbeit. Aber ohne eine gesicherte Finanzierung kann keine Institution überleben. Also wurde händeringend nach Geldquellen, nach Förderern und Sponsoren gesucht. Der Vorsitzende schlug sogar vor, die Lotto-Zentrale in Münster und Spielbanken um einen Zuschuss zu bitten. Es flogen einige Schreiben hin und her, aber letztlich ohne eine feste Zusage.
Einen offiziellen Empfang für Autorinnen und Autoren und damit echte Wertschätzung gab es am 10. Mai 1987 beim Ministerpräsidenten Johannes Rau aus Anlass des „Tag des Buches“. Die 20-minütige Rede dort hielt Volker W. Degener, und zwar zum Thema „Situationsbericht: Literatur und Literaturvermittlung in NRW“. Der Literaturrat stellte sich anspruchsvolle, vielfältige Ziele, als da wären: Literaturatlas, Lesemobil, Literaturfest, Literaturzeitschrift, Kinder- und Jugendbuchpreis, Sonderschau der Förderpreisträger Literatur, Nachlassförderung von NRW-Autoren, Vertretung in der WDR-Rundfunkkommission, Lehrstuhl für Poetik.
Der Kultusminister unterstützte den LR von Anfang an mit einer kleinen Summe und sagte weitere Fördergelder über die NRW-Stiftung zu. Da ging es um wesentlich höhere Summen und projektgebundene Finanzmittel. 1992 wurde zum ersten Mal der „LiteraturTaler“ vergeben, für hervorragende Verdienste bei der Literaturförderung. Ihn gibt es fortlaufend in unregelmäßigen Abständen als eine besondere Auszeichnung.
Bis 1995 blieb Kurt Rossa Vorsitzender des LR. Sein Nachfolger wurde Dr. Eugen Gerritz. In der Funktion folgte ihm dann im Jahr 2000 Prof. Dr. Joseph A. Kruse, bis 2010 Michael Serrer, der Leiter des Düsseldorfer Literaturbüros, ihn ablöste. Von 2023 an war Dr. Jörg Albrecht Vorsitzender, der Leiter von Burg Hülshoff Center. Er gab 2026 sein Amt ab an die Kultur-journalistin Antje Deistler, der Leiterin des Literaturbüros in Gladbeck.

Seit 1997 ist der LR auf der Leipziger Buchmesse vertreten, damals mit „Literaturland NRW“, mitfinanziert durch das nordrhein-westfälische Wirtschaftsministerium. Später wurde dieser Auftritt in „Literarischer Salon NRW“ umbenannt und zugleich zu einer lukrativen Präsentation entwickelt. Auf der Messe ist der LR der größte Einzelveranstalter. Allerdings konnte der Salon nicht in jedem Jahr wegen unzureichender Geldmittel stattfinden. Zum Glück ließ er sich in den letzten Jahren wiederbeleben, als buntes Aushängeschild der Literaten unseres Bundeslandes. Ein kommunikativer Treffpunkt mit mehr als 20 Programmpunkten, die jedes Mal ein starkes Medienecho auslösen.
Die Finanzierung seiner Arbeit stellt ein Dauerproblem des LR dar – die Mitgliedbeiträge von 30,- Euro für natürliche Personen und 50,- Euro für literarische Institutionen erbringen nur eine bescheidene Summe.
Trotz allem hat der LR viel aufzuweisen. Er hat ein leistungsfähiges Netzwerk aufgebaut, zu dem nahezu alle literaturnahen Gruppen und Institutionen gehören. Es gibt einen Kinderbuch-Literaturpreis, einen Studienschwerpunkt literarische Schreiben an der künstlerischen Hochschule des Landes, und seit 2021 ist der Literaturrat Mitglied im Rundfunkrat des WDR.
40 Jahre unermüdliche ehrenamtlicher Einsatz für die Literaturszene in unserem Bundesland. Ja, wie zu Recht vermutet, ein Grund zum Feiern!